100 Tage Hormus-Krise: Was der Konflikt für die Heizkosten im Winter 2026/27 bedeutet

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Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel Luftangriffe auf den Iran. In den Stunden danach schloss der Iran die Straße von Hormus für den internationalen Schiffsverkehr – die engste und wichtigste Passage für den globalen Energiehandel. Drei Monate später ist die Lage ungeklärt: Eine zweiwöchige Waffenruhe Anfang April wurde binnen Tagen gebrochen, diplomatische Gespräche über Pakistan laufen, gleichzeitig greifen die USA weiterhin militärische Ziele im Iran an. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat die Situation als die „größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts“ eingestuft.

Quellen: IEA; Berliner Zeitung, 29.05.2026; Wikipedia: 2026 Strait of Hormuz crisis

Dieser Beitrag analysiert die aktuellen Marktdaten, rekonstruiert den Verlauf der Krise und bewertet die konkreten Auswirkungen auf den deutschen Wohngebäudesektor – insbesondere mit Blick auf die kommende Heizperiode 2026/27.

1. Chronologie der Eskalation

Für die Einordnung der aktuellen Marktlage ist die Abfolge der Ereignisse entscheidend. Die Krise ist kein einzelnes Schockereignis, sondern eine sich über Monate entwickelnde Eskalationsspirale mit direkten Auswirkungen auf die Energiebörsen.

  • 28. Februar 2026: Beginn der US-israelischen Luftangriffe auf iranische Militärziele. Oberster Führer Ali Khamenei wird getötet. Der Iran erklärt die Straße von Hormus für gesperrt. Die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) warnen alle Schiffe per UKW: „Kein Schiff darf die Straße von Hormus passieren.“ Der Schiffsverkehr bricht innerhalb von Tagen auf unter 10 % des Vorkriegsniveaus ein.

  • 1.–20. März 2026: 21 bestätigte Angriffe auf Handelsschiffe. Selektiver Durchlass nur für türkische, indische und saudische Schiffe. Die IRGC legt Seeminen in der Meerenge. TTF springt um über 50 %, Brent steigt zeitweise auf 120 USD/Barrel.

  • 18. März 2026: Iranischer Raketenangriff auf Ras Laffan in Katar. 17 % der katarischen LNG-Exportkapazität werden dauerhaft zerstört. QatarEnergy erklärt Force Majeure. Geschätzte Reparaturzeit: 3 bis 5 Jahre. Katar lieferte vor dem Krieg rund 20 % des globalen LNG-Handels.

  • 23. März 2026: TTF erreicht Spitzenwert von rund 60 €/MWh – ein Plus von über 85 % gegenüber dem Vorkrisen-Durchschnitt von 32 €/MWh.

  • 7. April 2026: Zweiwöchige Waffenruhe vereinbart. Iran kündigt Wiederöffnung der Straße von Hormus an. Ölpreis fällt sofort. Erste LNG-Tanker passieren die Meerenge.

  • 20. April 2026: Iran nimmt die Öffnung zurück. Die US-Marine beschlagnahmt einen iranischen Frachter. Der Iran spricht von „bewaffneter Seepiraterie“. TTF steigt erneut um 6 % auf 41 €/MWh.

  • 13. April – 29. Mai 2026: Die USA verhängen eine Seeblockade gegen iranische Häfen. Paralleler Angriff und Diplomatie: Verhandlungen über Pakistan, gleichzeitig US-Angriffe auf iranische Raketenstellungen und Minenboote.

  • Pfingstwochenende (25. Mai): Beide Seiten signalisieren erstmals grundsätzliche Verhandlungsbereitschaft über Pakistan. Kernfragen (Atomprogramm, Hormus-Kontrolle, Sanktionsaufhebung) bleiben offen. Brent fällt auf ca. 100 USD/bbl (–14 % über 20 Handelstage).

Quellen: Wikipedia; dpa-AFX; Berliner Zeitung; kontrast.at; wattline; Vattenfall

2. Aktuelle Marktdaten: Wo stehen wir Anfang Juni?

Die Börsenpreise haben sich vom März-Schock teilweise erholt, liegen aber strukturell über dem Vorkriegsniveau. Die zentrale Erkenntnis: Der Markt preist keine schnelle Lösung ein.

Erdgas (TTF)

  • Aktueller Preis: ca. 44 €/MWh (Front-Month, Stand 8. Mai 2026)

  • Vorkrisen-Niveau: 29–32 €/MWh (Jan./Feb. 2026)

  • Krisen-Peak: über 60 €/MWh (23. März 2026)

  • Jahresvergleich: +26 % gegenüber Mai 2025

  • Bandbreite kurzfristig: 40–55 €/MWh, hohe Sensitivität gegenüber Hormus-Nachrichten

Quellen: Tacto; finanzen.net; BDEW Quick-Check 05.06.2026

Rohöl (Brent)

  • Aktueller Preis: ca. 100 USD/Barrel (Ende Mai 2026)

  • Vorkrisen-Niveau: ca. 61 USD/Barrel

  • Krisen-Peak: bis zu 120 USD/Barrel (19. März 2026)

  • Forward-Kurve: Backwardation-Struktur – kurzfristige Lieferungen deutlich teurer als Termine, Signal für anhaltend angespanntes Angebot

Quellen: Energie-Management Consulting; Berliner Zeitung; EIA

Strom (Großhandel)

Der Stromgroßhandelspreis folgt dem Gaspreis über den Merit-Order-Mechanismus. Solange Gaskraftwerke den Grenzpreis setzen, zieht jeder Gaspreisanstieg den Strompreis mit. Der Effekt ist gedämpfter als beim Gas, da der erneuerbare Anteil an der Stromerzeugung mittlerweile bei über 55 % liegt – aber in gasarmen Dunkelflaute-Stunden weiterhin preisbestimmend.

3. Gasspeicher: Das strukturelle Problem hinter den Preisen

Die Gasspeicherfüllstände sind der zentrale Frühindikator für die Heizkosten im kommenden Winter. Die aktuelle Lage gibt Anlass zu ernsthafter, wenn auch nicht panischer, Aufmerksamkeit.

  • Füllstand Deutschland: 29,17 % (Stand 24. Mai 2026)

  • Vorjahr zum gleichen Zeitpunkt: ca. 40 %

  • Differenz: ca. 10 Prozentpunkte unter Vorjahr

  • Fünf-Jahres-Saisonschnitt EU: 55 % – aktuell bei 34,3 % (Stand 8. Mai)

  • Gesetzliches Füllziel: 80 % bis 1. November (Gasspeicherfüllstandsverordnung)

  • Bayerische Speicher: Sonderregelung: 40 % bis 1. Februar für Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg

Quellen: Bundesnetzagentur (04.06.2026); AGSI+/GIE; Tacto; wattline

Die Initiative Energien Speichern (INES) hat berechnet, dass ein Füllstand von bis zu 81 % bis zum Winter technisch möglich wäre – allerdings fehlen derzeit die wirtschaftlichen Anreize für eine ausreichende Befüllung. Bei TTF-Preisen von 40–55 €/MWh ist das Einspeichern deutlich teurer als in den beiden Vorjahren. Die Gasumlage, die 2022/2023 eingeführt und zum 1. Januar 2026 abgeschafft wurde, fängt diesen Effekt nicht mehr ab.

Einordnung der Bundesnetzagentur (Stand Juni 2026): Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Deutschland verfügt über ausreichende Import- und Speichermöglichkeiten. Auf dem Weltmarkt ist ausreichend Gas verfügbar. Die LNG-Produktion hat im Mai 2026 mit ca. 1,59 Mrd. m³/Tag das Vorjahresniveau leicht übertroffen. Die Gefährdungseinschätzung wird als „gering“ bewertet.

Quelle: Bundesnetzagentur, Lagebericht Gasversorgung, aktualisiert 04.06.2026

Die Botschaft der Bundesnetzagentur ist beruhigend – und deckt sich mit der physischen Realität: Deutschland bezieht sein Gas hauptsächlich über Pipelines aus Norwegen (44 %) und den Niederlanden (24 %) sowie über LNG aus den USA (59 % der LNG-Importe). Keine dieser Quellen ist direkt von der Hormus-Blockade betroffen. Das Problem ist nicht die physische Verfügbarkeit – es ist der Preis. Auf dem global integrierten LNG-Markt konkurrieren deutsche Käufer mit asiatischen Abnehmern, insbesondere China und Indien, um die verbleibenden Mengen. Das treibt den TTF-Preis unabhängig davon, ob das Gas physisch durch die Straße von Hormus fließt oder nicht.

Quellen: Bundesnetzagentur; wattline; BDEW

4. Der dauerhafte Schaden: Warum die Krise länger wirkt als der Krieg

Ein Aspekt, der in der tagespolitischen Berichterstattung oft untergeht: Selbst bei einer sofortigen diplomatischen Lösung bleiben die strukturellen Folgen über Jahre bestehen.

  • Zerstörte Infrastruktur: Über 40 Energieanlagen in 9 Ländern schwer beschädigt (IEA). Geschätzte Reparaturkosten: mindestens 25 Milliarden US-Dollar.

  • Katarisches LNG: 17 % der Exportkapazität von Ras Laffan dauerhaft zerstört. Recovery laut Reuters und Bloomberg in „Jahren, nicht Monaten“. Europa bezog vor dem Krieg 12–14 % seines LNG aus Katar.

  • Forward-Markt: Das Frontjahr 2027 trägt die höchste Preissensitivität der gesamten TTF-Kurve – ein Signal, dass der Markt langfristige Angebotsengpässe einpreist, nicht nur kurzfristige Störungen.

Quellen: IEA; QatarEnergy Force Majeure; kontrast.at; wattline; Tacto

Dieser Punkt ist für die Bewertung der Heizkosten im Wohngebäudesektor zentral: Auch ein Waffenstillstand beendet nicht die Preiskrise. Die physische Zerstörung von LNG-Exportkapazität schafft ein strukturelles Angebotsdefizit, das den Markt über die nächsten drei bis fünf Jahre begleiten wird. Der europäische Gasmarkt bleibt in dieser Zeit anfälliger für Preisschocks als vor der Krise.

5. Auswirkungen auf den Wohngebäudesektor

5.1 Gasheizungen: Steigende Bezugskosten ab Herbst 2026

Die entscheidende Frage für Vermieter und Eigentümer mit Gasheizung: Wann kommt der höhere Großhandelspreis auf meiner Rechnung an?

Die Antwort hängt vom Vertragsmodell ab. Kunden mit Festpreisverträgen, die vor März 2026 abgeschlossen wurden, sind für die Vertragslaufzeit geschützt. Bei Grundversorgungstarifen und variablen Verträgen zeigt sich der Anstieg bereits: Laut BDEW-Analyse vom 5. Juni 2026 sind die Neukunden-Gastarife seit März spürbar gestiegen. Die Großhandelspreise haben sich zwar vom März-Peak erholt, liegen aber stabil 26–40 % über dem Vorjahresniveau.

Quelle: BDEW Quick-Check Gas- und Strompreise, 05.06.2026

Konkretes Rechenbeispiel: Ein typisches Einfamilienhaus mit 20.000 kWh Gasverbrauch und einem Arbeitspreis, der den aktuellen Großhandelspreis widerspiegelt, zahlt gegenüber dem Vorjahr 200 bis 500 Euro mehr pro Jahr – abhängig von Vertragszeitpunkt und Tarif. Bei einem Mehrfamilienhaus mit 10 Wohneinheiten summiert sich das auf 2.000 bis 5.000 Euro jährliche Zusatzkosten. In der Nebenkostenabrechnung 2026/27 werden diese Beträge erstmals sichtbar.

5.2 Ölheizungen: Direkter und sofortiger Preiseffekt

Heizöl reagiert unmittelbar auf den Rohölpreis. Mit Brent bei rund 100 USD/Barrel liegt der Heizölpreis deutlich über dem Vorjahresniveau. Im Gegensatz zu Gas gibt es keine Festpreis-Pufferung – der Effekt ist bei der nächsten Tankfüllung sofort zahlungswirksam. Für Portfoliokunden mit ölbeheizten Bestandsobjekten ist das der am direktesten spürbare Kosteneffekt der Krise.

5.3 Wärmepumpen und PV: Der strukturelle Vorteil elektrifizierter Wärme

Elektrifizierte Heizsysteme sind von der Hormus-Krise deutlich weniger betroffen. Zwar steigen auch die Großhandelspreise für Strom über den Merit-Order-Effekt, doch drei Faktoren dämpfen den Durchschlag:

  • Effizienzfaktor: Eine Wärmepumpe mit einer Jahresarbeitszahl von 3,5 benötigt pro kWh Wärme nur 0,29 kWh Strom. Der Preisanstieg wird durch den Effizienzhebel auf ein Drittel reduziert.

  • EE-Anteil: Der erneuerbare Anteil an der Stromerzeugung lag 2025 bei über 55 %. In sonnenreichen oder windstarken Stunden setzt Gas nicht den Grenzpreis – der Merit-Order-Effekt greift nur noch zeitweise.

  • PV-Eigenverbrauch: Eigentümer mit PV-Anlage und Speicher können einen erheblichen Teil ihres Strombedarfs vom Börsenpreis entkoppeln. In der aktuellen Krise erweist sich die Kombination aus Wärmepumpe und PV als strukturelle Absicherung gegen geopolitische Preisschocks.

Diese Konstellation ist keine theoretische Überlegung, sondern zeigt sich in den Marktdaten: Wärmepumpen waren 2025 erstmals die meistverkaufte Heiztechnik in Deutschland (299.000 Geräte, +55 % gegenüber Vorjahr). Gasheizungen fielen auf 229.000 (–33 %), Ölheizungen auf einen historischen Tiefstand von 22.500 (–74 %). Der BWP erwartet für 2026 bis zu 530.000 Wärmepumpen.

Quellen: BDH Jahresbilanz 2025; BWP; pv magazine, 30.03.2026

6. Der doppelte Kostendruck: Geopolitik plus CO₂-Regulierung

Die Hormus-Krise trifft auf einen ohnehin steigenden regulatorischen Kostendruck für fossil beheizte Gebäude. Seit dem 1. Januar 2026 gilt der CO₂-Preiskorridor von 55–65 €/t. Ab 2028 übernimmt der europäische Emissionshandel ETS II – mit voraussichtlich deutlich höheren Preisen.

Für die Betriebskostenrechnung eines gasbeheizten Wohngebäudes addieren sich damit drei Kostentreiber: der geopolitisch erhöhte Gaspreis, der regulatorische CO₂-Aufschlag und die steigenden Netzentgelte für Gas. Keiner dieser Faktoren ist kurzfristig reversibel. Selbst bei einer vollständigen Beilegung des Iran-Konflikts bleiben der CO₂-Preis und die Netzentgelt-Dynamik bestehen.

7. Gesamtwirtschaftlicher Kontext

Die makroökonomischen Auswirkungen der Hormus-Krise sind mittlerweile in den offiziellen Prognosen sichtbar:

  • Inflation: 2,9 % im April 2026, EZB hat Jahresprognose von 1,9 % auf 2,6 % angehoben

  • Wachstum: EZB senkt BIP-Prognose 2026 von 1,2 % auf 0,9 %

  • Konjunkturerwartungen: ZEW-Index von +59,6 (Januar) auf –10,2 (Mai) eingebrochen

  • DIW-Schätzung: BIP-Belastung von rund 22 Milliarden Euro bei anhaltend hohen Energiepreisen

Quellen: EZB; ZEW; DIW; Statistisches Bundesamt

Für den Immobilienmarkt bedeutet die gesamtwirtschaftliche Eintrübung zweierlei: Einerseits dämpft sie die Nachfrage nach Wohnimmobilien. Andererseits verstärkt die Inflation den Druck auf die Nebenkosten – und damit auf die Relation von Kaltmiete zu warmen Gesamtkosten, die für Mieter zunehmend zur Entscheidungsgröße wird.

8. Vergleich mit der Energiekrise 2022: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Der Vergleich mit 2022 liegt nahe und wird in der öffentlichen Debatte häufig gezogen. Er ist instruktiv, aber nur bedingt zutreffend.

  • Gemeinsamkeit: Geopolitischer Schock treibt über den globalisierten LNG-Markt die europäischen Gaspreise. Der Transmissionsmechanismus (LNG-Verknappung → Risikoaufschläge → Merit-Order → Strom) ist identisch.

  • Unterschied: Importstruktur: 2022 fiel mit den russischen Pipeline-Lieferungen eine direkte Importquelle weg (ca. 55 % der deutschen Gasimporte). 2026 ist Deutschland indirekt über den Weltmarktpreis betroffen, nicht über einen Lieferausfall. Die physische Versorgung ist gesichert.

  • Unterschied: Infrastruktur: Die LNG-Infrastruktur ist seit 2023 massiv ausgebaut. Mehrere deutsche Terminals sind in Betrieb. Die Importdiversifizierung ist deutlich weiter als 2022.

  • Unterschied: Speicherlage: Die Gasspeicher waren im Frühjahr 2022 zwar niedrig, wurden aber über den Sommer aggressiv befüllt. 2026 startet die Befüllung bei historisch niedrigem Niveau und zu deutlich höheren Kosten.

  • Unterschied: Strukturelle Schäden: 2022 blieb die globale LNG-Infrastruktur intakt. 2026 sind Produktionsanlagen in Katar dauerhaft zerstört. Das verengt das globale Angebot für Jahre – ein qualitativer Unterschied.

  • Preisniveau: Der TTF-Peak 2022 lag bei über 330 €/MWh, der aktuelle Peak bei rund 60 €/MWh. Die Größenordnung des Preisschocks ist deutlich geringer – aber das Ausgangsniveau war 2022 auch niedriger.

Ökonomin Samina Sultan (Institut der deutschen Wirtschaft) ordnete die Lage Anfang Mai so ein: Die Inflationsraten von 6,9 % wie 2022 seien unwahrscheinlich, da das Ausgangsniveau stabiler sei. Allerdings werde das erhoffte Wirtschaftswachstum von 0,9 % auf etwa die Hälfte sinken. Selbst bei zeitnaher Beilegung der Blockade werden die Preiseffekte noch Monate nachwirken.

Quellen: t-online, 01.05.2026; IW Köln; BDI-Weltenergierat Panel 28.04.2026

9. Szenarien für die Heizperiode 2026/27

Niemand kann den Ausgang des Konflikts vorhersagen. Die Bandbreite der möglichen Entwicklungen lässt sich aber eingrenzen:

Szenario A: Diplomatische Lösung bis Spätsommer

Hormus öffnet schrittweise, LNG-Lieferketten normalisieren sich teilweise. TTF konsolidiert bei 40–45 €/MWh. Speicherbefüllung auf 70–80 % bis November erreichbar. Endkunden-Gastarife steigen moderat um 10–15 % gegenüber 2025. Die Nebenkostenabrechnung 2026/27 wird spürbar, aber nicht dramatisch höher. Dieses Szenario entspricht in etwa der aktuellen EIA-Prognose.

Szenario B: Fragiler Waffenstillstand, keine volle Öffnung

Hormus bleibt teilweise eingeschränkt, diplomatische Gespräche ziehen sich. TTF pendelt bei 50–65 €/MWh. Speicherbefüllung erreicht 60–70 % bis November – knapp unter dem gesetzlichen Ziel von 80 %. Endkunden-Gastarife steigen um 20–30 %. Für Vermieter mit umlagefähigen Heizkosten erhöht sich das Ausfallrisiko bei Mietern mit geringem Einkommen.

Szenario C: Eskalation oder Langzeitblockade

Hormus bleibt über den Sommer geschlossen, weitere Infrastrukturschäden. TTF über 70 €/MWh. Speicherbefüllung auf 80 % fraglich. EU-Notfallmaßnahmen (Nachfragereduktion, Preiseingriffe) werden diskutiert. Endkunden-Gastarife steigen um 30–50 %. Die politische Debatte über Preisbremsen und Entlastungspakete lebt wieder auf.

In allen drei Szenarien gilt: Die strukturelle Zerstörung katarischer LNG-Kapazität wirkt über den akuten Konflikt hinaus. Der Weltmarkt für Flüssigerdgas bleibt für die nächsten 3–5 Jahre enger als vor der Krise. Das ist keine Konjunkturschwankung, sondern ein angebotsseitiger Strukturbruch.

10. Zusammenfassung

Hundert Tage nach Beginn der Hormus-Krise hat sich die Lage auf den Energiemärkten teilweise stabilisiert, aber nicht normalisiert. Die physische Gasversorgung Deutschlands ist gesichert – die Bundesnetzagentur stuft das Risiko als gering ein. Das Problem liegt nicht bei der Verfügbarkeit, sondern beim Preis: Die Großhandelspreise für Gas und Öl liegen 26–40 % über dem Vorjahr, die Gasspeicher starten die Befüllsaison bei historisch niedrigem Niveau, und die strukturelle Zerstörung katarischer LNG-Kapazität verengt das globale Angebot für Jahre.

Für den Wohngebäudesektor ergeben sich daraus drei zentrale Erkenntnisse:

Erstens: Fossil beheizte Gebäude sind den Preisverwerfungen des Weltmarkts direkt ausgesetzt. Jeder geopolitische Schock schlägt – mit zeitlicher Verzögerung, aber zuverlässig – auf die Heizkosten durch. Die Hormus-Krise ist nach der Ukraine-Krise 2022 der zweite empirische Beleg innerhalb von vier Jahren.

Zweitens: Elektrifizierte Wärmeversorgung (Wärmepumpe, ggf. in Kombination mit PV) entkoppelt Gebäude zumindest teilweise von fossilen Weltmarktpreisen. Der Effizienzhebel, der steigende EE-Anteil im Strommix und die Option des PV-Eigenverbrauchs wirken als struktureller Puffer. Das ist keine Prognose, sondern eine sich in der aktuellen Krise bestätigende Marktbeobachtung.

Drittens: Die Kombination aus geopolitischem Preisdruck und steigendem CO₂-Preis schafft einen doppelten Kostentreiber für fossil beheizte Gebäude, der sich in den kommenden Jahren weiter verstärken wird – unabhängig vom Ausgang des Iran-Konflikts.

Wir werden die Entwicklung weiterhin analytisch begleiten und vor Beginn der Heizperiode 2026/27 eine aktualisierte Einschätzung veröffentlichen.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Bundesnetzagentur: bundesnetzagentur.de/Gasversorgung – Lagebericht, Speicherfüllstände, Importdaten

  2. AGSI+/GIE: agsi.gie.eu – Europäische Gasspeicherdaten in Echtzeit

  3. BDEW: bdew.de – Quick-Check Gas- und Strompreise (2x wöchentlich aktualisiert)

  4. IEA: Internationale Energieagentur – Bewertung der Versorgungsunterbrechung

  5. Tacto: tacto.ai/erdgaspreis – TTF-Marktdaten und Preisprognosen

  6. wattline: wattline.de/guide/sperrung-strasse-hormus – KMU-Leitfaden mit wöchentlicher Aktualisierung

  7. BDI/Weltenergierat: Panel vom 28.04.2026 – Szenarien Hormus

  8. Kontrast.at: Analyse Waffenstillstand und Infrastrukturschäden, 08.04.2026

  9. Berliner Zeitung: Ölpreisschock 2026, 29.05.2026

  10. Vattenfall: Gaspreisentwicklung 2026 – Business Magazin

  11. EZB: Inflations- und Wachstumsprognose, revidiert März/April 2026

  12. ZEW: Konjunkturerwartungen Mai 2026

  13. IW Köln: Samina Sultan zur Inflationsentwicklung, t-online 01.05.2026

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